
- 9. August 2026
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Im Juni 2026 habe ich an einem zehntägigen Vipassana-Retreat nach der Tradition von S.N. Goenka auf Bali teilgenommen. Kein Handy, keine Notizen, kein Buch, kein Blickkontakt, keinerlei Kommunikation mit anderen – den ganzen Tag nur meditieren. Zehn Tage lang. Ein persönlicher Erfahrungsbericht.
Als ich nach den zehn Tagen wieder zurückkam, haben mich unzählige Leute gefragt, wie es mir ergangen ist. Meine Antwort damals war:
„Es waren die zehn körperlich und mental anstrengendsten Tage meines Lebens. Es war sehr viel krasser, als ich erwartet hätte. Aber ich gehe gestärkt und mit einer inneren Ruhe und Klarheit aus dieser Zeit. Wenn ich gewusst hätte, wie hart es werden würde, hätte ich es vermutlich nicht gemacht. Auf der anderen Seite war es definitiv nötig und wird mir langfristig helfen, da bin ich sicher.“
Mir war klar, dass ich über meine Erfahrung ausführlicher berichten möchte. Ich habe mir die nötige Zeit genommen, um diesen Bericht mit etwas Abstand schreiben zu können. Es ist der vielleicht persönlichste Text, den ich je geschrieben habe.
Ich dachte, ich müsste sterben.
- Hinweis in eigener Sache Dies sind meine ganz persönlichen Erfahrungen. Jeder, der das hier liest und mit dem Gedanken spielt, auch ein Vipassana zu absolvieren, sollte sich bitte bewusst sein, dass die eigene Reise eine ganz andere sein wird.
Inhalt
- Was ist Vipassana?
- Der Tagesablauf – so läuft ein Vipassana ab
- Dhamma Geha Vipassana Zentrum auf Bali: Schlafräume, Essen & Co.
- Fight or Flight. Oder: Ich dachte, ich muss sterben.
- Trust the peace. Als die Schutzschicht bröckelte.
- Der eigene Geist: Die größte Herausforderung beim Vipassana
- Eiserne Entschlossenheit: Die Königsdisziplin im Vipassana
- Was bleibt: Meine Erfahrungen nach zehn Tagen Vipassana
- Ist Vipassana gefährlich?
Was ist Vipassana?
Vipassana bedeutet übersetzt etwa: Die Dinge sehen, wie sie wirklich sind. Es gibt überall auf der Welt unzählige Meditationszentren, in denen man die Technik der Vipassana-Meditation erlernen kann. Die Kurse nach S. N. Goenka dauern für Anfänger zehn Tage und folgen einer klaren Struktur: Jeder Tag beginnt um vier Uhr morgens (!) und endet gegen neun Uhr abends. Dazwischen wird rund zehn Stunden täglich meditiert.
Die ersten drei Tage konzentriert man sich ausschließlich auf den Atem. Die gesamte Aufmerksamkeit ruht auf einem winzigen Bereich unterhalb der Nase. Das klingt unspektakulär – ist aber erstaunlich schwierig. Der Geist springt ununterbrochen von einem Gedanken zum nächsten.
Erst wenn diese Konzentration geschult ist, beginnt die eigentliche Vipassana-Technik. Das Grundprinzip dabei: Normalerweise reagiert unser Geist ganz automatisch auf Reize – mit Craving (Verlangen, Haben-Wollen) oder mit Aversion (Ablehnung, Ekel, Wegstoßen). Die Praxis trainiert nun genau das Gegenteil: Nur beobachten, ohne zu reagieren. Das Ziel ist, alle Empfindungen gleichmütig wahrzunehmen. Man trainiert den Geist, nicht auf jeden Reiz anzuspringen, sondern einen Raum zwischen Reiz und Reaktion entstehen zu lassen.
In diesen sieben Tagen beobachten die Teilnehmer ihren Körper systematisch: Wo sind Schmerzen? Wo ist ein Kribbeln? Wo spüre ich Wärme? Dadurch, dass in den drei Tagen zuvor durch die Konzentration auf den klitzekleinen Bereich um den Naseneingang eine Art Hyperfokus aufgebaut wurde, ist die Wahrnehmung an diesem Punkt extrem sensibel. Man macht den ganzen Tag nichts anderes, als systematisch den Körper zu scannen und Empfindungen wahrzunehmen – Schmerzpunkte im Körper werden dabei überdeutlich.
Ziel ist dabei nicht das Leiden, sondern den Geist darauf zu trainieren, nicht auf diese Reize zu reagieren. Denn das tun wir alle ständig: Wir reagieren ganz unbewusst auf Reize. Vollkommen automatisch. Unser Geist hält fest, was angenehm ist. Er stößt weg, was unangenehm ist.
Vipassana versucht, genau diesen Automatismus sichtbar zu machen. Spürbar zu machen: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein kaum wahrnehmbarer Moment. Und in diesem Moment liegt die Möglichkeit, anders zu handeln als bisher.
Genau dort, in diesem kleinen Raum zwischen Reiz und Reaktion, liegt laut Vipassana die Möglichkeit zur Heilung. Alte Muster, alte Emotionen, alter Schmerz können sich lösen – auf Körperebene, nicht nur im Kopf.
Der Tagesablauf – so läuft ein Vipassana ab
Der Tagesablauf bei einem Vipassana ist klar strukturiert und wiederholt sich an allen zehn Tagen. Um vier Uhr morgens (!) weckt ein Gong die Teilnehmer. Nach der ersten zweistündigen Meditation gibt es Frühstück und eine Pause, die jeder individuell nutzen kann – zum Duschen, Ausruhen oder einfach, um kurz durchzuatmen.
Anschließend folgen weitere lange Meditationsblöcke, unterbrochen von einer Mittagspause und einer kurzen Tee-Pause am Nachmittag. Für Erstteilnehmer gibt es nachmittags noch ein Stück Obst, für Teilnehmer, die bereits mehrere Vipassana-Kurse absolviert haben, lediglich Zitronenwasser. Ein Abendessen gibt es nicht – nach dem Mittagessen um 11 Uhr wird erst am nächsten Morgen wieder gegessen.
Den Abschluss jedes Tages bildet ein abendlicher Diskurs von S. N. Goenka. In den Videoaufzeichnungen erklärt er die Hintergründe der Vipassana-Technik, ordnet die Erfahrungen der Teilnehmer ein und vermittelt buddhistische Lehren. Diese Diskurse waren oft mein Highlight des Tages. Endlich mal Input! Endlich mal etwas hören und sehen! Auch wenn manche Aussagen aus heutiger Sicht etwas aus der Zeit gefallen wirken, konnte ich viel daraus mitnehmen.
Dhamma Geha Vipassana Zentrum auf Bali: Schlafräume, Essen & Co.
Vipassana-Meditationszentren sind grundsätzlich spartanisch. Oft gibt es Gruppen-Schlafsäle und geteilte Waschräume. Auf Bali, wo ich mein Vipassana absolviert habe, befindet sich das Dhamma Geha Vipassana Meditationszentrum in der Mitte der Insel, irgendwo mitten im Nirgendwo, gelegen bei einem Dorf namens Bangli, umgeben von Farmen mit Schweinen und Hühnern.
Im Vipassana Zentrum auf Bali hat jeder Teilnehmer seinen eigenen kleinen, sehr simplen Schlafraum mit einem schmalen Bett, sehr dünner Matratze und einem kleinen Regal. Ventilator oder Klimaanlage? Fehlanzeige. Durch die Lage in den Bergen war das vom Klima her aber auch kein Problem. Die Waschräume werden mit den anderen Teilnehmern geteilt und sind gleichermaßen Basic. Nicht luxuriös, aber sauber.
Das Essen wird von Freiwilligen täglich frisch zubereitet und schmeckte überraschend gut. Es war vegetarisch oder sogar komplett vegan. Oft gab es Reis mit Tempeh oder Tofu, Curry, stets eine Suppe, zweimal auch Spaghetti, Gemüse, Salat. Also: Kein Luxus, aber immer lecker und gut essbar. Zum Frühstück gab es Früchte, Oats, Haferflocken und Brot.
Ich war während der zehn Tage stets super froh über das Essen und dankbar, dass sich dort Menschen im Hintergrund darum kümmern, dass wir versorgt sind und uns auf unsere Praxis konzentrieren können. Aber gleichzeitig muss ich auch sagen, dass es sich jedes Mal auch ein bisschen nach Gefängnis anfühlte, wenn ich mit meinem silbernen Tablett schweigend durch die Essensausgabe lief…
Das Meditationszentrum bietet Platz für circa 50 Teilnehmer – die Hälfte Frauen und die Hälfte Männer. Die Geschlechter sind komplett voneinander getrennt und haben separate Schlaf-, Ess- und Toiletten-Bereiche. Lediglich in der Meditationshalle sind Männer und Frauen gemeinsam: Auf der einen Seite des Raumes sitzen dann die männlichen und auf der anderen die weiblichen Schüler. Jeder auf einem ihm fest zugewiesen Platz, den er über die gesamten zehn Tage beibehält. Gleiches gilt auch für den Speisesaal.
Übrigens: In der Meditationshalle sitzen bei einem Vipassana diejenigen am weitesten vorne, die schon die meisten Kurse absolviert haben.
Fight or Flight. Oder: Ich dachte, ich muss sterben.
„Mach mal eine Meditation. Es wird dir Ruhe bringen.“
Tja, Pustekuchen! Während der ersten zwei bis drei Tage habe ich zunächst genau das Gegenteil erlebt: Mein Körper ist in einen kompletten Ausnahmezustand geraten. Mich traf eine Panik, wie ich sie vorher nicht kannte…
Als mir wirklich bewusst wurde, dass ich hier die nächsten zehn Tage gefangen sein würde, schaltete mein Körper komplett in den „Fight or Flight“-Modus. Flucht oder Angriff. Ich lief wie ein Tiger, der im Käfig eingesperrt ist, auf dem Gelände umher. Konnte mich kaum setzen. Meine Handflächen waren feucht. Mein Kopf und mein Herz rasten. Zwei Nächte habe ich keine einzige Sekunde schlafen können, weil mein Nervensystem so im Ausnahmezustand war.
Rational wusste ich, dass ich sicher war. Trotzdem war die Reaktion auf die Erkenntnis, dass ich hier nun zehn Tage „eingesperrt“ sein würde, sehr viel intensiver als ich erwartet hätte.
Es fühlte sich an, als befände ich mich in einem Fall ins Nichts. Ich habe versucht, Halt zu finden, aber dort war nichts, an dem ich mich hätte festhalten können. Nur Dunkelheit. Wie ein freier Fall. Ich war zu diesem Zeitpunkt sicher, ich würde sterben. Aber irgendwann landete ich auf dem Boden. Nicht mit einem harten Aufprall, sondern ganz sanft. Fast unbemerkt.
Und dann… war ich ok. Ich hatte es irgendwie überstanden.
Ich war fix und fertig. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft, wie ich nach dieser Erfahrung dachte, dass dieser erste Tag ähnlich intensiv war wie der Tag von Lennis Geburt. Und dass dies erst Tag eins war – wie zur Hölle soll ich neun weitere überleben?!
Auch wenn das extrem unschön und grenzüberschreitend war: Aus heutiger Sicht bin ich dankbar, dass ich diesen Moment des Kontrollverlusts erlebt habe. Im normalen Leben, wenn wir in den „Flucht oder Angriff“-Modus geraten, dann fühlen wir dieses Gefühl für gewöhnlich nicht bis zu Ende. Dann ist da ein Vertrauter, der einen beruhigt. Der einen ermutigt, einen Spaziergang zu machen. Der sagt: „Alles halb so wild“. Die das eigene Gefühl zwar nicht wegmachen, die aber doch helfen, aus dem Sprudel herauszukommen. Das ist mir an diesem ersten Tag im Vipassana ganz deutlich bewusst geworden. Und gleichzeitig habe ich erkannt, dass ich all diese Ablenkungen und Hilfen nicht wirklich BRAUCHE. Dass ich es auch alleine schaffen kann. Dass dieses Gefühl nicht für immer anhält.
Das schenkt mir jetzt, rückblickend betrachtet, ein tiefes Vertrauen.
Trust the peace. Als die Schutzschicht bröckelte.
Nachdem diese erste, extrem intensive Welle der Panik langsam nachließ, wurde mir etwas klar, das mich mein Leben lang unbemerkt begleitet hatte: Mein Körper kannte offenbar keinen echten Zustand von Sicherheit.
Ich konnte nicht zur Ruhe kommen. Weil mein Nervensystem mein Leben lang darauf programmiert war, immer auf der Hut zu sein. Permanent wachsam zu sein. Immer bereit. Immer mit Plan A und Plan B in der Tasche. Immer darauf vorbereitet, dass hinter der nächsten Ecke eine Gefahr lauern könnte.
Mir wurde hier das erste Mal so richtig klar, dass dieser Zustand für mich völlig normal geworden war. Ich hatte ihn nie hinterfragt. Hatte es vielleicht auch nie anders gekannt.
Plötzlich ergaben viele Dinge in meinem Alltag Sinn. Warum ich selbst Zuhause nie wirklich entspannen konnte, weil erstmal alles auf der ToDo-Liste abgearbeitet sein muss. Warum ich mich im Café niemals mit dem Rücken zur Tür setzen würde, um den Ausgang im Blick behalten zu können.
Im Vipassana hatte ich erstmals keine Möglichkeit mehr, davor wegzulaufen. Mich abzulenken. Und mir wurde klar, dass ich jahrelang eine dicke Schutzschicht aufgebaut hatte.
Mit jedem Moment, in dem es mir gelang, Ruhe zuzulassen, begann diese Schutzschicht langsam zu bröckeln. Plötzlich wurde mir glasklar, was ich all die Jahre darunter verborgen hatte. Ein Gefühl, das nicht gefühlt werden wollte. Was ich lieber weggedrückt hatte.
Es war nicht Traurigkeit.
Nicht Angst.
Sondern Hass.
Eine Emotion, die ich in dieser Intensität vorher noch nie erlebt hatte.
Ich empfand Hass auf alles und jeden. Ich hasste mich selbst und die ganze Welt.
Das Gefühl war überwältigend. So sehr, dass ich mich an diesem zweiten Tag nicht traute, in den Spiegel zu schauen – aus Angst vor mir selbst.
Erstmals in meinem Leben begriff ich, wie bittersüß es sich anfühlen kann, anderen Menschen wehtun zu wollen, wenn man so fühlt. Versteh mich nicht falsch, ich hatte keine Gewaltfantasien und wollte mir oder anderen etwas antun, aber ich hab das erste Mal in meinem Leben spüren können, wie leicht es sich anfühlt für jemanden, der so fühlt, Gewalt als Ausweg zu wählen.
Mit dem Abklingen dieses überwältigenden Hasses kam eine Leichtigkeit und Ruhe, die ich selten zuvor gespürt hatte. Frieden durfte wachsen. Gleichzeitig wuchs eine unendlich wichtige Erkenntnis in mir.
Mein Leben lang hatte ich die Beweggründe für das Handeln meines Großvaters zu verstehen versucht. Er hatte zwei Gesichter gehabt: Das des lieben, netten, witzigen und geselligen Opas, der immer einen Spruch auf den Lippen hat und über einen unendlich großen Wissensschatz zu verfügen schien. Aber da war auch diese andere Seite. Die, die mir Angst machte.
Manchmal lagen zwischen der einen und der anderen Version seiner selbst nur Sekunden. Manchmal brodelte es wochenlang still in ihm.
Vielleicht war ich auch deshalb immer auf der Hut, beobachtete alles akribisch genau?
Bisher hatte ich stets versucht, mit der linken Gehirnhälfte – also mit meinem Verstand – zu verstehen, warum er gewesen war, wie er war. Was mag in seiner Kindheit passiert sein? Wie mag er gefühlt haben?
Es ging mir nie um Vergeltung. Es ging mir stets um Verständnis.
An diesem zweiten Tag des Vipassana geschah nun etwas, das mein Leben nachhaltig verändern wird. Zum ersten Mal verstand ich es nicht nur mit dem Kopf. Ich konnte es fühlen. Ich konnte zum ersten Mal nachempfinden, wie er sich vermutlich sein Leben lang gefühlt haben muss. Für mich war dieser Hass nur temporär. Er hat leider nie Wege gefunden, ihn gehen zu lassen.
Dank dieser tiefen Form des Mitgefühls konnte ich zum ersten Mal echten Frieden schließen mit der Vergangenheit. Mit ihm.
Ich kann ihm in Liebe begegnen. Was nicht heißen soll, dass es ihn von seiner Schuld entbindet. Aber ich, ich kann ab diesem Moment erstmals Frieden schließen. Erst nach und nach wird mir bewusst, wie viel Erleichterung darin liegt.
Erst nach und nach erkenne ich, wie wichtig und wertvoll es war, diese tief in mir vergrabene und so mächtige Emotion des Hasses rauszulassen – in einem Rahmen, in dem sie keinen Schaden anrichtet.
Heute schreibe ich über all das mit gewissem Abstand und viel Klarheit. Diese Klarheit hatte ich in dem Moment, als ich sie durchlebte, noch nicht. Aber ich erinnere mich noch wie heute daran, wie ich an Tag drei morgens um 04:30 Uhr müde in der Meditationshalle saß und mich auf die zweistündige Morgenmeditation vorbereitete, als die Frau, die vor mir saß, hereinkam. Ich hob den Blick. Zum ersten Mal seit langem nahm ich meine Umgebung in diesem Augenblick wieder richtig wahr. Sie trug ein Shirt, auf dem ein schlafender Löwe zu sehen war. Auf dem Rücken des Löwen saß ein kleines Mädchen mit geflochtenen Zöpfen – ganz naiv, sich keiner Gefahr bewusst. Darunter stand der Spruch:
TRUST THE PEACE.
Drei so simple Worte. Und doch fassten sie meine Struggles der ersten beiden Tage quasi vollständig zusammen.
Ja, Du darfst vertrauen.
Du darfst loslassen.
Du bist sicher.
Ruhe ist keine Ruhe vor dem Sturm, sondern einfach nur Ruhe.
Ab diesem dritten Tag konnte mein Nervensystem immer mehr entspannen. Ich konnte wieder schlafen (zum Glück!) und es war vollkommen ok für mich, eine Stunde auf dem Bett zu sitzen und nichts anderes zu tun, als die Bäume im Wind zu beobachten.
Auch wenn es extrem unschön war, diesen Hass spüren zu müssen, war es so wertvoll und heilsam, dass diese Schutzschicht gesprengt wurde. Davon werde ich sicherlich langfristig profitieren.
Der eigene Geist: Die größte Herausforderung beim Vipassana
Zu Beginn des Kurses hatte Goenka in einem der abendlichen Diskurse folgenden Satz gesagt:
„An untrained mind is like a wild animal. It’s dangerous.“
Während ich die ersten Tage komplett mit meinem Nervensystem zu tun hatte, spürte ich in den folgenden Tagen immer mehr, was er damit meinte.
Ohne jede Form von Ablenkung produziert der Geist ununterbrochen Gedanken, Geschichten und Erklärungen. Der Geist reagiert impulsiv, vielleicht manchmal sogar aggressiv, aus Angst – kurzum: Aus alten Mustern heraus. Ein trainierter Geist dagegen hat mehr Selbstkontrolle. Er kann Reize wahrnehmen, ohne sofort zu handeln. Er ermöglicht bewusste Entscheidungen statt Automatismen.
In den folgenden Tagen des Retreats hat mein Geist „Ausflüge“ in unterschiedliche Richtungen unternommen: Angst ließ mich zu der Überzeugung kommen, dass in meiner Kindheit womöglich etwas Schreckliches passiert ist, was ich verdrängt habe.
Zeitweise war ich überzeugt, dass meine Oma verstorben sein könnte.
Mein Ego verleitete mich dazu, den Wusch zu entwickeln, dass ich in diesen zehn Tagen irgendeine „krasse“ Erkenntnis erlange. Dass irgendetwas Bedeutungsvolles passiert, von dem ich später berichten kann. Damit all das, was ich dort erlebte und was wahrlich verrückt war, wenigstens irgendwie einen Sinn ergab.
Zum ersten Mal konnte ich beobachten, wie schnell Gedanken entstehen, wenn uns nichts und niemand wieder auf den Boden der Tatsachen holt – und wie bereit wir sind, ihnen zu glauben.
Es gab in all diesem Chaos und Wahnsinn in meinem Kopf aber auch Momente der Ruhe. Des Friedens. Der Liebe.
Die Zeit verging unendlich langsam.
Jede Stunde fühlte sich an wie ein halber Tag. Die zehn Tage kamen mir vor wie zehn Monate!
Manche Tage waren einfacher, manche schwerer. Aber jeder für sich genommen war unfassbar hart. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht mindestens einmal geweint habe.
Immer wieder habe ich mich gefragt, was zur Hölle ich hier eigentlich mache und warum Menschen sich so etwas freiwillig antun.
Eiserne Entschlossenheit: Die Königsdisziplin im Vipassana
Wir lernten in der Meditationspraxis, dass körperlicher und mentaler Schmerz miteinander verbunden sind und sich immer wieder gegenseitig nähren. In der Vipassana-Lehre geht man davon aus, dass Trauma-Schmerzen im Körper gespeichert werden, die sich durch kein Schmerzmittel der Welt auflösen lassen. Denn eine Schmerztablette wird den physischen Schmerz zwar kurz stoppen, aber der mentale Schmerz wird ihn wieder füttern, sobald die Wirkung nachlässt.
Jeder von uns hat doch solche „Pain Points“ in seinem Körper, die immer wieder kommen und gehen, oder? Der eine vielleicht im Knie, der andere im Bauch, wieder ein anderer in der Hüfte oder im Rücken. Auch ich habe sie.
Ab Tag 4 des Vipassana gab es dreimal am Tag sogenannte „Sitzungen der starken Entschlossenheit“ (Adhiṭṭhāna). In diesen einstündigen Sitzungen sollen die Teilnehmer sich gar nicht bewegen. Kein Stück. Ganz egal, ob das Knie schmerzt, die Nase juckt oder man unbedingt die Position der Beine verändern will.
Ziel dieser Sitzungen ist es, Gleichmut gegenüber angenehmen und unangenehmen Empfindungen zu entwickeln. Was einen durch diese Sitzungen leitet, ist der Gedanke, dass nichts für immer ist. Alles geht vorbei. Die einzige Konstante ist Veränderung. Das ist das „Law of Nature“: Alle Empfindungen, Gedanken und Gefühle entstehen und vergehen wieder. Egal, ob angenehm oder unangenehm – nichts bleibt dauerhaft bestehen. Unsere Aufgabe in der Meditation besteht lediglich darin, zu beobachten. Ohne zu bewerten oder zu reagieren.
Leichter gesagt als getan.
Jede Sekunde, in der es einem gelingt, gleichmütig zu sein und weder eine Aversion noch ein Craving gegenüber dem zu entwickeln, was da ist, ist eine Sekunde, in der Zwiebelschicht für Zwiebelschicht alte Wunden heilen können.
Ich habe intensiv darauf gewartet, dass „endlich etwas passiert“. Dabei habe ich mich in dem Verlangen verloren, dass meine Rückenschmerzen, die mich schon quasi mein Leben lang begleiten und immer wieder kommen und gehen, und die nun während des Kurses überdeutlich geworden waren, endlich verschwinden mögen.
Erst an Tag 9 – als ich die Hoffnung bereits aufgegeben hatte und akzeptiert hatte, dass für mich wohl keine Leichtigkeit eintreten wird – spürte ich plötzlich, wie der Schmerz nach und nach weniger wurde. Alles in meinem Rücken vibrierte und zuckte – über Stunden hinweg. Mein Körper arbeitete auf Hochtouren.
Und dann, ganz plötzlich, war mein Knie im Fokus. Mein Bauch. Mein Ohr. Und ich erkannte: Der Rückenschmerz schreit mich nicht mehr an! Halleluja, was für eine Wohltat!
- Noch einmal der Hinweis Dies sind meine ganz persönlichen Erfahrungen. Jeder, der das hier liest und mit dem Gedanken spielt, auch ein Vipassana zu absolvieren, sollte sich bitte bewusst sein, dass die eigene Reise eine ganz andere sein wird.
Was bleibt: Meine Erfahrungen nach zehn Tagen Vipassana
Meditation, so wie ich sie in diesen Tagen erlebt habe, ist kein sanftes Wellness-Tool. Es ist ein sehr mächtiges Instrument – extrem kraftvoll. Etwas, das alte Verhaltensweisen auflösen oder wiederbeleben kann. Etwas, das sehr tief in Psyche und Körper eingreift.
Ich habe verstanden, wie stark mein Nervensystem über Jahre auf Alarm programmiert war. Ich habe erlebt, wie eng körperliche Empfindungen, Emotionen und automatische Reaktionen miteinander verbunden sein können. Und ich habe erfahren, dass zwischen einem Reiz und meiner Reaktion tatsächlich ein kleiner Raum entstehen kann, der Heilung bringt.
Ist Vipassana gefährlich?
Ich habe großen Respekt vor der Methodik. Vielleicht auch ein bisschen Furcht.
Es fühlte sich an, als würde man fünfzig Menschen gleichzeitig kopfüber in eine Waschmaschine stecken und sie zehn Tage lang auf Schleudergang mit all ihren Traumata laufen lassen.
Ob das gefährlich sein kann? Ja, vermutlich. Ich kann nicht beurteilen, inwiefern intensive Meditation psychische Krisen auslösen oder verstärken kann. Deshalb ist es wahrscheinlich an dieser Stelle angebracht, Menschen mit akuten psychischen Erkrankungen zu empfehlen, sich vorher ärztlich oder therapeutisch beraten zu lassen.
Auch wenn es extrem war für mich: Ich glaube, dass ich langfristig von der Erfahrung profitieren werde. Mit mehr Vertrauen in mich selbst, weniger Dauer-Alarm und innerem Frieden mit meiner Vergangenheit.
Das Vipassana war zweifelsohne eine der intensivsten Erfahrungen meines Lebens.
Würde ich es noch einmal machen? Heute lautet meine Antwort: Nein.
Aber frag mich in drei Jahren nochmal.
Denn obwohl ich in diesen zehn Tagen dachte, ich müsste sterben, habe ich gleichzeitig auch gelernt, was es bedeutet, mich wirklich sicher zu fühlen.
Wer wir sind
Wir sind Nico, Kathi & Lenni – die three little lions. Eine reisende Familie und seit 2021 nur mit Handgepäck, ohne festen Wohnsitz und ohne Schule unterwegs in der Welt. Hier teilen wir ehrliche Erfahrungen, praktische Tipps und Geschichten vom Reisen mit Kind.
Mindset Vipassana auf Bali: Warum ich dachte, ich müsste sterben
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Author
Kathi Wuttke
Hallo, Welt. Ich bin Kathi. Jahrgang 1991, optimistische Weltverbesserin und Herzblut-Mama eines aufgeweckten Jungen. Mein Herz schlägt außerdem für Yoga, leckeres Essen, tiefe Gespräche und gute Texte – egal, ob lesend oder selbst zu Papier bringend. Ursprünglich komme ich aus Osnabrück im Norden Deutschlands, wo ich Marketing & Kommunikation studiert habe. In 2021 bin ich aufgebrochen in die Welt. Auf unbestimmte Zeit. Mit unbestimmtem Ziel. Seitdem bereisen wir als Familie die Welt und ich darf an diesen Erfahrungen wachsen. Ich lade Dich ein, uns ein Stück auf unserer Reise zu begleiten. Schön, dass Du da bist.





